Das Wiesbadener Gespräch

Im Wiesbadener Büro des Hessischen Städte- und Gemeindebundes diskutiert Karl-Christian Schelzke, der Geschäftsführer des Hessischen Städte- und Gemeindebundes, mit Persönlichkeiten aus Gesellschaft und Politik über aktuelle kommunalpolitische Fragen. Die „Wiesbadener Gespräche“, die in der Hessischen Städte- und Gemeindezeitung dokumentiert werden, verstehen sich als eine Anzeige von Themen, die in unserer Gesellschaft jenseits der Tagespolitik große Bedeutung haben.

Das Wiesbadener Gespräch

Die Zukunft der Nahversorgung in den ländlichen Räumen

HDE
(v.l.) Die Gesprächsteilnehmer: Silvio Zeizinger, Karl-Christian Schelzke, Prof. Dr. Wolfgang George und Michael Kullmann

Mit Prof. Dr. Wolfgang GEORGE, Michael KULLMANN und Silvio ZEIZINGER sprach SCHELZKE über die Zukunft der Nahversorgung in den ländlichen Räumen.

Prof. Dr. Wolfgang GEORGE ist Leiter des TransMIT-Projektbereiches für Versorgungsforschung in Gießen. Michael KULLMANN ist Hauptgeschäftsführer des Handelsverbands Mitte (Hessen, Rheinland-Pfalz und Saarland), Silvio ZEIZINGER Geschäftsführer des Handelsverbandes Hessen-Süd.

Immer mehr ländliche Regionen zeigen sich von den negativen Auswirkungen einer ökonomischen und sozialen Konzentrationsentwicklung erheblich in Mitleidenschaft gezogen. Die demografische Entwicklung und viel mehr noch mögliche Abwanderungen aus den Gemeinden in die großen Städte- und Ballungsräume stehen in starker Abhängigkeit von deren wirtschaftlicher Situation. Die Menschen reagieren auf regionale Unterschiede auch über deren Zuzugs- bzw. Wegzugsverhalten. Während attraktive Kommunen Wanderungsgewinne realisieren, weisen strukturschwächere Gemeinden meist starke Abwanderungen, bis in weit entfernte Ballungsgebiete auf. Ist der demografische Faktor eine relativ stabile Rechengröße und die mit dieser einhergehenden Bevölkerungsentwicklung absehbar, können Wanderungsbewegungen vor Ort nicht kalkuliert werden, denn sie unterliegen großräumigen ökonomischen, sozialen und gesellschaftlichen Veränderungsprozessen.

In dieser schwierigen Ausgangslage sind Kommunen herausgefordert, unterschiedliche Lösungen zu entwickeln, um die Menschen auf dem Land „zu halten“. Gerade Einkaufsmöglichkeiten sind ein wichtiger Baustein für die Vitalität und Attraktivität der Gemeinden. Die Wohn- und Standortqualität der Kommunen hängen maßgeblich von einer funktionierenden Versorgungsstruktur ab. Neben ihrer funktionalen Bedeutung für die wohnungsnahe Versorgung sind innerörtliche Einzelhandelseinrichtungen und einzelhandelsnahe Dienstleister als Treffpunkte, als Arbeitsstätten und für das Ortsbild von hoher Bedeutung. Gerade für die älteren Bürger/innen.

Ein Ansatz ist es, zum Erhalt der Nahversorgung lokale Bündnisse zu schmieden. Die Gemeinde mit ihrer Bürgerschaft, das örtliche Gewerbe, der Handel engagieren sich für den Aufbau flexibilisierter und mobiler Angebote nach dem Prinzip: das Angebot kommt zur Nachfrage. Einkaufsbusse, Fahrdienste, vereinsorganisierte Dorfläden, öffentliche medizinische Sprechstunden vor Ort– entsprechende Angebote sind in vielen Gemeinden bereits im Aufbau oder schon realisiert. Der Bankschalter im Rathaus, das Café im Dorfladen, die Postagentur im Einzelhandelsgeschäft - zahlreiche erfolgreiche Beispiele zeigen, dass Dienstleistungen vor Ort gebündelt und Synergieeffekte in der Nahversorgung der Menschen erzielt werden können.

Für Professor Dr. GEORGE steht die Notwendigkeit einer Vernetzung lokaler Initiativen in einem direkten Zusammenhang mit deren Erfolg und nachhaltigen Sicherung. Ein einzelner, selbstorganisierter Dorfladen wird es allein schwer haben, sich auf Dauer auf dem Markt zu behaupten. Hier bietet sich die Kooperation mit anderen Läden, Initiativen und auch den Bürgern an, wie das Beispiel von entsprechenden Genossenschaften zeigen würde.

Einen wichtigen Aspekt bei der Mobilisierung und Nutzung der Marktpotenziale, so SCHELZKE, stellen dabei die Einwohner selbst dar. Diese müssen bereit sein, unter bestimmten Bedingungen, einen Beitrag zur Entwicklung der eigenen Gemeinde zu leisten. In zahlreichen Gemeinden ist der bewusste Gang zum gewerblichen Anbieter vor Ort auch ein Bekenntnis zum Standort. Der Verzicht auf den Besuch im entfernten Discounter ist der Preis für den Erhalt der eigenen gemeindlichen Infrastruktur.

Aber auch die systematische Ermittlung regionaler Ressourcen und Fähigkeiten, deren Nutzung, um Bedarfe, Fähigkeiten und damit Entwicklungsimpulse zu verbinden und die Bewahrung der regionalen Identität sind starke Motive dafür, dass sich Gemeinden auf ihre eigenen Stärkenbesinnt. en. Für Prof. Dr. GEORGE ist die regionale Wertschöpfung ein wichtiger Garant der gemeindlichen Zukunftsfähigkeit. Regionen besitzen unterschiedliche Potenziale und nicht alle sind zu jeder Zeit und uneingeschränkt wirtschaftlich nutzbar. Für einen wirtschaftlichen Erfolg, gilt es mit den Bürgerinnen/Bürgern und den kommunalen Gewährsträgern die „passgenauen“ Potenziale zu identifizieren und ein realistisches Umsetzungsprogramm zu entwickeln. Diese sollten jedoch nicht allein auf quantitatives oder monetäres Wachstum ausgerichtet sein, sondern qualitative Ziele die sich aus der einzigartigen Lebensqualität des ländlichen Raums ergibt anstreben. Die Erfahrungen aus Kommunen „die bereits auf dem Weg sind“ beweisen, dass die Menschen in ländlichen Gemeinden durchaus zu einem solchen „Commitment“ bereit sind.

Über die Nahversorgung mit dem täglichen Bedarf hinaus bedarf es aber für den ländlichen Raum auch Perspektiven für ein attraktives Einkaufsangebot. Dem Handelsverband, so KULLMANN, sei bewusst, dass für die Einzelhandelsstruktur nicht mehr nur die klassischen Kategorien „Umsatz, Kaufkraft und Zentralität“ gelten. Der Handel würde auch Verantwortung für die gemeindliche Entwicklung übernehmen. Durch mobile Verkaufsstände in den Dörfern oder durch die Förderung von Nachbarschaftsläden mit der Ergänzung des Warenangebots mit großen Sortimenten trage der Handel zur Stabilisierung der Gemeinden in der Fläche bei.

Silvio ZEIZINGER mahnte an, dass neue Versorgungsansätze im Spannungsfeld zwischen wirtschaftlicher Rentabilität und flächendeckender Versorgung auch in dünn besiedelten Gebieten stehen würden. Wenn eine Gemeinde oder ein Ortsteil zu klein sind, so der Vertreter des Handelsverbands, sei dies auch eine mögliche Perspektive für eine interkommunale Zusammenarbeit. Kommunen würden schon in dem gemeinsamen Betreiben von Gewerbegebieten gute Erfahrungen machen, diese seien sicher auch auf die gemeinsame Organisation von Märkten und Einkaufszentren übertragbar.

Hier verwies SCHELZKE auf das Thema Mobilität. Eine angemessene Grundversorgung dürfe nicht auf die Bereitstellung von Angeboten reduziert werden, sondern muss auch den Aspekt der Erreichbarkeit für alle Bevölkerungsgruppen umfassen. In vielen Gemeinden würden darum Bürgerbusse fahren und besonders ältere Menschen zum Einkauf oder zu einem Arztbesuch fahren. Hier müsse, so die Vertreter des Handelsverbandes, es auch auf der politischen Ebene mit den Verkehrsverbänden ein Einverständnis dafür geben, dass diese Initiativen keine Konkurrenz zum ÖPNV darstellen, sondern eine wichtige Ergänzung im Sinne der Mobilität auf dem Land sind.

Verlieren die Gemeinden ihre Geschäfte, verlieren sie damit auch einen bedeutsamen Frequenzbringer, denn auch andere Angebote und Einrichtungen werden weniger besucht und damit geschwächt. Eine Gemeinde müsse daher genau analysieren, wie die Rahmenbedingungen an Ort und Stelle sind, was die Bürger wünschen und welche Anbieter außerhalb des konventionellen Bereichs infrage kommen.

Demografische Entwicklung bedeutet nicht nur ein steigende Anzahl älterer Menschen, sondern zukünftig auch eine größere Bedeutung für die Zuwanderung. Was die Aufnahme von Flüchtlingen beispielsweise für die mikroökonomische Entwicklung eines Gemeinwesens bedeutet, ist noch nicht hinreichend beschrieben worden. Viele der Asylsuchenden haben hohe Bildungsqualifikation und ein großes Maß an Motivation, nach einer Anerkennung sich auch wirtschaftlich zu integrieren. Auch wenn dies nur ein Tropfen auf dem heißen Stein sei, so der Tenor des Gesprächs, so ist die Zuwanderung bei allen vorhandenen Herausforderungen ein gesellschaftliches Plus für die Gemeinden in der Fläche.

Händler machen Gemeinde – aber auch die Gemeinde macht den Handel, so lässt sich das Fazit des Wiesbadener Gesprächs beschreiben. Alle Beteiligten sind sich sicher, dass für die notwendigen Perspektiven für den ländlichen Raum ein breit angelegter Dialog mit allen Akteuren vor Ort notwendig ist und dass bedrohlich erscheinende Entwicklungen immer auch Chancen bieten.